{"id":578,"date":"2020-09-02T09:54:01","date_gmt":"2020-09-02T07:54:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.twr.at\/wp\/?page_id=578"},"modified":"2022-07-18T21:01:11","modified_gmt":"2022-07-18T19:01:11","slug":"die-musik-ist-unsere-liebe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.exlibris.or.at\/?page_id=578","title":{"rendered":"Die Musik ist unsere Liebe"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein kryptographisches Exlibris aus Z\u00fcrich<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>von Peter Rath<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dem  genau betrachtenden Sammler gelingt es immer wieder, neue, bisher  verborgene Inhalte auf seinen Exlibris zu entdecken. Doch nicht immer  findet sich ein Blatt, wie jenes f\u00fcr die Musikgesellschaft in Z\u00fcrich,  das eine so au\u00dfergew\u00f6hnliche F\u00fclle an Informationen bietet. <em>Das Z\u00fcricher Exlibris<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.twr.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/mab2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-76\" width=\"184\" height=\"268\" srcset=\"https:\/\/www.exlibris.or.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/mab2.jpg 274w, https:\/\/www.exlibris.or.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/mab2-206x300.jpg 206w\" sizes=\"(max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Das um 1700 entstandene Exlibris (<a href=\"http:\/\/members.aon.at\/musikus\/img\/mab1.jpg\">Abb.1<\/a>) ist ein Kupferstich von Johannes Meyer d. J., Maler und Kupferstecher in Z\u00fcrich von 1659-1712. <br> Im Vordergrund des Blattes ist ein lateinischer Text plaziert, und in  der Mitte reitet Arion auf dem Delphin im Z\u00fcrichsee vor der Stadt  Z\u00fcrich. Im Hintergrund \u00fcber der Kirche St.Peter, als oberster mittlerer  Blattschmuck, schwebt das Wappen des Kantons und der Stadt Z\u00fcrich.  Deutlich erkennbar ist oberhalb von Arion ein Teil der zwischen 1642 und  1678 erbauten Befestigungsanlagen. <br> Dieses Sujet erscheint das erste Mal auf einem Neujahrsblatt der  &#8222;Musik-Gesellschaft auf dem Musiksaal beim Fraunm\u00fcnster&#8220; im Jahre 1686,  dann 1718 als Titelvignette des Protokollbuches derselben Gesellschaft.  Es wurde wieder ben\u00fctzt, um die linke innere Fl\u00fcgelt\u00fcre eines  Orgelpositivs zu zieren, das ab 1727 den Musikern zu Verf\u00fcgung stand. (<a href=\"http:\/\/members.aon.at\/musikus\/img\/mab2.jpg\">Abb.2)<\/a> <br> Dieses Blatt  ist offensichtlich ein Eigentumszeichen, das unter Verwendung derselben  Motive mit unterschiedlicher Textanordnung mehrmals verwendet wurde. Kleine Spuren von Leimr\u00fcckst\u00e4nden auf der R\u00fcckseite weisen eindeutig  daraufhin, da\u00df der Stich als Exlibris oder Exmusicis Verwendung fand.<br>Die  Musikgesellschaft beim Kornhaus, sp\u00e4ter &#8222;ab dem Musiksaal beim  Fraunm\u00fcnster&#8220;, gegr\u00fcndet 1613, war vermutlich die \u00e4lteste unter den  Z\u00fcricher Musikgesellschaften. Sie war eine von vielen Musik-Collegien,  die in Z\u00fcrich im 17. und 18. Jh. entstanden sind, da die Reformation die  Musik aus Z\u00fcrichs Kirchen verbannt hatte.   Diese Collegien, nur von privater Hand gef\u00f6rdert, widmeten sich der  Pflege der geistlichen und weltlichen Musik. 1812 erfolgte dann der  Zusammenschlu\u00df aller Z\u00fcricher Musik-Collegien zur &#8222;Allgemeinen  Musikgesellschaft Z\u00fcrich&#8220;                <a href=\"http:\/\/members.aon.at\/musikus\/publikationen.htm\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>                                   <br>   <em>Deutung:<\/em>  Bei diesem Exlibris, das dem Symboldenken und der Auslegungstradition des Mittelalters    verhaftet ist, bietet sich eine dreiteilige emblematische Deutung an. Die Doppelfunktion    des Abbildens und Auslegens, des Darstellens und Deutens des folgenden emblematischen Erkl\u00e4rungsversuches beruht darauf, da\u00df das Abgebildete mehr bedeutet als das Dargestellte.<\/p>\n\n\n\n<p>1. Die <em>P i c t u r a <\/em>, (Icon, Imago, auch Symbolon) zeigt Arion, den    griechischen S\u00e4nger und Dichter aus dem Anfang des 6. Jh. vor Chr., auf    dem Delphin. Wir verdanken Herodot     die \u00dcberlieferung seiner Lebensgeschichte. Geboren in Methymna auf Lesbos,    wanderte er nach Korinth, wo er zur Zeit des Tyrannen Periander (ca. 625-585 v. Chr.) als erster eine dem Dionysoskult verbundene Art des Chorgesanges, den    Dithyrambus, zur Kunstform erhoben hat. Obwohl Arion ein ber\u00fchmter Kithar\u00f6de        war, ist nicht bewiesen, ob sein Dithyrambus von diesem Instrument begleitet    wurde. In der sp\u00e4tarchaischen und klassischen Zeit wurde der Dithyrambos zur Aulosbegleitung und im phrygischen Modus vorgetragen. Die Kithara war das Instrument des Apollon und der Musen, im Unterschied zum dionysischen Aulos. Nach einem Aufenthalt in Oberitalien und Sizilien trat Arion auf einem Schiff    die Heimreise nach Griechenland an. Von korinthischen Seeleuten bedroht, erbat    sich der S\u00e4nger, ein letztes Mal auf seiner Kithara spielen zu d\u00fcrfen, und stimmte eine hohe Weise an. Anschlie\u00dfend st\u00fcrzte er sich ins Meer und wurde auf dem R\u00fccken eines Delphins bei Kap Tainaron, an der S\u00fcdspitze der Peloponnes, an Land gebracht. <br>   Die Rettung Arions durch einen Delphin weist auf die au\u00dfergew\u00f6hnliche Musikliebe hin, die die Griechen diesem menschenfreundlichen Bewohner der Meere    zuschreiben. Er gilt als heiliges Tier des Apollon und wird von Pindar und Euripides    als aulosliebend bezeichnet. <br>   Arion auf einem Delphin reitend, ist ein bekanntes und immer wiederkehrendes Motiv in der emblematischen Literatur.   <\/p>\n\n\n\n<p>2. Die <em> I n s c r i p t i o <\/em>, (Motto, Lemma) &#8222;Musica noster amor&#8220;: <\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik ist unsere Liebe, ist ein zu Herzen gehendes Glaubensbekenntnis    in der gemeinsamen Sprache der europ\u00e4ischen Humanisten, das die Hingabe und tiefe Verbundenheit mit einer der sch\u00f6nsten und schwierigsten K\u00fcnste zeigt.  <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/members.aon.at\/musikus\/img\/mab2.jpg\" alt=\"Abb.2\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>3. Die <em>S u b s c r i p t i o <\/em>, die das im Bilde Dargestellte erkl\u00e4rt und auslegt und aus dieser Bildbedeutung h\u00e4ufig eine allgemeine Lebensweisheit    oder Verhaltensregel zieht (vgl. Anm. 14), ist ebenfalls ein lateinischer Text;<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>&#8222;UT RE<\/strong>levet<strong> MI<\/strong>serum<strong> FA<\/strong>tum<strong> SOL<\/strong>itos que<strong> LA<\/strong>bores<strong>&#8222;<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>die \u00dcbersetzung lautet: &#8222;Damit sie erleichtere das armselige Schicksal    und die gewohnten M\u00fchen&#8220;. Dieser Satz bietet folgende Erkl\u00e4rungsm\u00f6glichkeiten:  a.) Der offensichtlich nicht verschl\u00fcsselte Teil dieser Botschaft betrifft    die Lebensumst\u00e4nde der Musiker und S\u00e4nger der Z\u00fcricher Musikgesellschaft.    Die &#8222;Musik m\u00f6ge das armselige Schicksal und die gewohnten M\u00fchen    erleichtern&#8220;.  b.) Bei sorgf\u00e4ltiger Betrachtung des lateinischen Textes ist die Hervorhebung    einiger Silben in Gro\u00dfschreibung zu erkennen. In diesem Fall handelt es    sich nicht um ein Chronogramm, da die Buchstaben ja keine Jahreszahlen ergeben k\u00f6nnen, sondern bestenfalls um eine Art Akrostichon.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Silben UT, RE, MI, FA, SOL, LA bedeuten die Reihe der sechs T\u00f6ne von C bis A (C D E F G A).  Die Benennung der sechs Tonstufen mit diesen Silben wird Guido von Arezzo (gest. ca. 1050) zugeschrieben. Da sich die Silbe UT    nicht optimal zum Solmisieren (zum singbaren Unterlegen eines Textes) eignet, wurde in der Gesangspraxis bald das DO eingef\u00fchrt. Die hervorgehobenen Tonsilben sind die Anfangssilben des sapphischen Hymnus an den heiligen Johannes, den Patron der S\u00e4nger. Diesem Text im sapphischen Versma\u00df von Paulus Diaconus (8. Jh.n.Chr.) unterlegte Guido eine dorische Melodie. Die erste Strophe des Hymnus lautet: &#8222;UT     queant laxis REsonare fibris MIra gestorum FAmuli tuarum SOLve    polluti LAbii reatum, Sancte Johannes.&#8220;Da die erste Verszeile mit dem Ton C und jede weitere Zeile einen Ton h\u00f6her beginnt, sind die Silben UT    RE Ml FA SO LA mit den T\u00f6nen C D E F G A identisch (<em>Hexachordum naturale<\/em>). In seiner Nachdichtung l\u00e4sst H. J. Moser die Melodie mit dem Ton G beginnen (<em>Hexachordum durum<\/em>), so da\u00df die Anfangsbuchstaben der Verse die Reihe G A H C D E ergeben: &#8222;Gib, da\u00df mit lockerem Ansatz k\u00f6nnen singen Hehr, was du tatest, Ch\u00f6re    deiner Sch\u00fcler, da\u00df Dich ohne    Fehl Ehren unsere Lippen, heiliger Johannes.&#8220; Diese Solmisationssilben konnten den verschiedensten Melodien unterlegt werden, sie dienten vor allem den S\u00e4ngern als Ged\u00e4chtnisst\u00fctze, um sich    die Stellung des Halbtonschrittes in den verschiedenen Tonarten einzupr\u00e4gen. Die nahezu geniale Idee, Guidos Tonsilben nochmals einem neuen Text zu unterlegen, spricht f\u00fcr den Witz und die Phantasie der Z\u00fcricher Musiker und S\u00e4nger. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Schlussbemerkung<\/em>: Es ist mehr als ungew\u00f6hnlich, da\u00df die Subscriptio, wie in diesem Fall, so eine F\u00fclle an Informationen bietet. Das zeigt jedoch den Ehrgeiz und das musikalische Wissen der Z\u00fcricher Humanisten, die sich um die sinnreiche Auslegung von antikem Bildbestand und der Erfindung eines neuen kryptographischen Textes bem\u00fchten. <\/p>\n\n\n\n<p><strong> Peter Rath<br>\n  <\/strong>\n\n<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/members.aon.at\/musikus\/img\/raetsels.jpg\" alt=\"Kryptogramm von Max Reger\" width=\"213\" height=\"175\"\/><figcaption> Die Aufl\u00f6sung kommt vom Leser<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kryptographisches Exlibris aus Z\u00fcrich von Peter Rath Dem genau betrachtenden Sammler gelingt es immer wieder, neue, bisher verborgene Inhalte auf seinen Exlibris zu entdecken. 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